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Der Sessel entstand in der Zeit zwischen 1930 und 1945, als dem Künstler und Gestalter Siegfried Pütz während der nationalsozialistischen Herrschaft ein Berufsverbot auferlegt war.
Im Jahr 2001, ein Jahr vor ihrem Tod, übergab Rose-Maria Pütz den Sessel zusammen mit einem Tisch sowie der Zeichnung Kosmischer Rhythmus (1958, schwarze Kreide) an die Künstlerin Margaretha Küwen. Die Übergabe erfolgte im Zusammenhang mit dem von Rose-Maria Pütz signierten Buch Siegfried Pütz – Sein Schaffen, das sie Margaretha Küwen mit persönlicher Widmung überreichte.
Margaretha Küwen und ihr Mann Michael Kohr waren über ihre Tätigkeit an der Freien Kunst-Studienstätte Ottersberg eng mit der Familie Pütz verbunden. Rose-Maria Pütz hatte bereits 1998 das Vorwort zu Küwens Buch Heilendes Malen verfasst.
Im Januar 2026 wurde der Sessel von Katharina Schütte, der Tochter von Margaretha Küwen, erworben. Die Zeichnung Kosmischer Rhythmus befindet sich weiterhin in ihrem Besitz.
Der Sessel ist aus Eschenholz gefertigt, einem Material, das häufig im Kontext anthroposophisch geprägter Möbelgestaltung verwendet wurde. Die Oberfläche zeigt deutlich die Spuren traditioneller Holzbearbeitung mit Hobel und Dechsel. Diese Bearbeitung verleiht dem Möbel eine lebendige, plastische Struktur. Das Holz ist lediglich geölt.
Der Sessel befindet sich weitgehend im originalen Zustand. Auf der Sitzfläche liegen zwei übereinanderliegende Polsterstoffe aus dem Besitz der Familie Pütz. Sichtbar sind zudem ältere Restaurierungsspuren: Zwischen Rückenlehne und hinterem Bein wurde ein Span eingesetzt, vermutlich um einen durch Holzschwund entstandenen Spalt zu schließen. An dieser Stelle ist die ursprüngliche Patina teilweise abgerieben. Am unteren hinteren Bein befindet sich außerdem eine Verfärbung, die vermutlich durch Hitzeeinwirkung entstanden ist
B 56 H 82 T 62 Hs 43
Armlehnsessel von Siegfried Pütz aus seinem Privathaus
Vormals im Besitz von Margaretha Küwen und Michael Kohr
Margaretha Küwen studierte von 1980 bis 1984 Malerei und Kunsttherapie an der Freien Kunststudienstätte Ottersberg. Ihr Mann Michael Kohr war von 1985 bis 2009 Professor für Freie Malerei, Grafik und Kunsttheorie an der Fachhochschule Ottersberg.
Der Armlehnsessel stammt aus dem Privathaus des Bildhauers, Pädagogen und Gestalters Siegfried Pütz (1907–1979). Pütz wurde am 15. Oktober 1907 in Berlin geboren und starb am 21. Februar 1979 in Ottersberg. In Berlin gehörte er zu den ersten Schülern der Waldorfschule. Von 1922 bis 1924 besuchte er die Waldorfschule in Stuttgart, wo er Rudolf Steiner begegnete – eine prägende Erfahrung für seinen weiteren Lebens- und Schaffensweg.
Nach einem Bildhauerstudium in Karlsruhe setzte Pütz seine Ausbildung in Dornach fort, unter anderem bei Karl Schubert. Gemeinsam mit dem Heilpädagogen und Waldorfpädagogen entwickelte er zu Beginn der 1930er Jahre eine sogenannte Plastiziertherapie, eine frühe Form künstlerischer Therapiearbeit.
Während der Zeit des Nationalsozialismus war Pütz aufgrund eines Berufsverbots gezwungen, sich verstärkt der Gestaltung und Herstellung von Möbeln und Gebrauchsgegenständen zuzuwenden. In diesen Arbeiten griff er gestalterische Impulse Rudolf Steiners auf und übertrug sie in eine zeitgemäße Formensprache.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Pütz elf Jahre lang Werklehrer an der Waldorfschule in Ottersberg. In den 1960er Jahren wirkte er maßgeblich an der Konzeption der späteren Freien Kunststudienstätte Ottersberg mit. Im Rahmen der 1964 in Krefeld gegründeten Vereinigung der „Rudolf-Steiner-Arbeits- und Studienstätten für das soziale Wirken der Kunst“ entstand die Grundlage für die spätere Ausbildungsstätte.
1967 prägte Pütz im deutschsprachigen Raum erstmals den Begriff „Kunsttherapie“. Der Begriff wurde in einer Annonce in der Zeitschrift Erziehungskunst zum Start des ersten Studiengangs der Studienstätte veröffentlicht. Auf Grundlage der anthroposophischen Menschenkunde, der ästhetischen Schriften Friedrich Schillers sowie Rudolf Steiners Ausführungen zu „Goethe als Vater einer neuen Ästhetik“ entwickelte sich daraus eine eigenständige Ausbildungsrichtung. 1984 erhielt die Einrichtung die staatliche Anerkennung als Fachhochschule für Kunsttherapie und Kunst.
In den 1970er Jahren waren Siegfried Pütz und seine Frau Rose Maria Pütz-Nelsen auch an der Gründung des Berufsverbands für Künstlerische Therapie auf anthroposophischer Grundlage beteiligt, aus dem später der Berufsverband für Anthroposophische Kunsttherapie (BVAKT) hervorging.
Rose Maria Pütz-Nelsen (1913–2002) wurde am 13. Oktober 1913 in Mönchengladbach geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Jugendleiterin lernte sie 1937 den Bildhauer und Werklehrer Siegfried Pütz kennen, den sie später heiratete. Gemeinsam arbeiteten sie in der Heilpädagogik, zunächst mit Jugendlichen in der Industrie und später an der Waldorfschule in Ottersberg.
1965 gründeten sie gemeinsam die „Rudolf-Steiner-Arbeits- und Studienstätte für das soziale Wirken der Kunst“. Aus dieser Einrichtung ging 1967 die Freie Kunststudienstätte Ottersberg hervor, die 1984 die staatliche Anerkennung als Fachhochschule für Kunst, Kunstpädagogik und Kunsttherapie erhielt.