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Francesco Pasinato. Organische Formfantasien als gebändigte Kräfte in Holz, Stahl und Pastellcolor

Der saarländische Maler, Bildhauer und Galerist Francesco Pasinato (1935 – 2003) ist nur ausgewiesenen Kennern bekannt. Der in Padua geborene Autodidakt wagte sich an ungewöhnliche Materialien und wirkte im Geiste Alexandre Nolls und Antoni Gaudis. Dabei entstehen im Laufe von vielen Jahrzehnten spielerische Skulpturen aus Metall und Holz. Umfangreicher jedoch ist Pasinatos zeichnerisches Werk mit zahlreichen Aquarell-Coloraturen und Grafiken.

 

Bequeme Kunst: Eigensinniges Sitzmobiliar

Francesco Pasinato vor seiner Galerie „Francis“ in der Saarbrücker Kronengasse und einem seiner Stühle

Stühle sind ein beliebtes Experimentierfeld für Designer und manche Künstler, Pasinato nahm sich dieser Aufgabe sichtbar ideenreich an. Es gibt eine Vielzahl seiner Stühle, jedoch ist jeder einzelne ein Unikat. Pasinatos Art der Konstruktion lässt sich mit einem brutalistischen Stil vergleichen. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Architektur und fand ab 1950 Verbreitung. Der Brutalismus als solcher ist geprägt von der Betonung der Konstruktion, simplen Formen und einer meist sehr groben Ausarbeitung und Gliederung der Strukturen. Unter der großen Vielfalt an Formen und Materialien wählte Pasinato Eiche als Ausgangsstoff für seine Stühle aus dem Jahre 1970. Sie sind Sitzmöbel gleichermaßen wie auch Skulptur am Tisch.

Individuelle Technik im Stil bekannter Bildhauer

Entwurfszeichnung

Die skulpturale Anmutung seiner Stühle ist ein Ergebnis ausgiebiger Bearbeitung mit dem Resultat einer jeweils eigenen, organischen Form. Die Technik Pasinatos verrät Anleihen an die gestalterische Kraft von Alexandre Noll, Wendel Castell, Rudolf Steiner sowie Antoni Gaudi. Pasinato entwickelte mit seinen Entwürfen von Möbeln den ihm eigenen, skulpturalen Stil. Entgegen dem in den 50er und 60 Jahren vorherrschenden Trend zu in Massen verwertbaren Entwürfen, stellte er Holzmöbel wie Stühle und Tische in Einzelproduktion her. Pasinato betätigte sich außerdem als Galerist und hatte eine eigene Galerie in der Saarbrücker Kronengasse, das so genannte „Francis“. Dort fand sich in den 80er und 90er Jahren die lokale Prominenz gerne ein. Die Gäste verwandelten die stadtbekannte Wirkstätte des Künstlers regelmäßig in einen öffentlichen Ort, an dem über Politik genauso geredet wurde wie über Kunst und Kultur.

Sitzen statt Stehen als Status

Einzelstücke von Francesco Pasinato

Über Jahrhunderte war das Sitzen ein Privileg der Herrschenden und des Klerus. Das Volk saß bei öffentlichen Anlässen früher am Boden, musste stehen oder durfte sich bestenfalls auf Bänken oder Hockern niederlassen. Die meisten Sitzmöbel waren aus Holz gearbeitet, seltener verwendet wurden Stein oder Metall. Während die Japaner bis heute weitgehend ohne Stühle auskommen, gibt es in der westlichen Kultur immer schon unterschiedlichste Sitzmöbel für jeden Anlass. Mit Michael Thonets neuer Bugholztechnik begann Anfang der 1840er-Jahre in Boppard am Rhein eine revolutionäre Ära für Sitzmöbel. Seitdem haben Designer viel ausprobiert, vor allem ab dem 20 Jahrhundert, und dabei neue Werkstoffe und Formsprachen entwickelt. Zu ihnen zählt auch der Saarbrücker Bildhauer und Maler Francesco Pasinato.

Francesco Pasinato mit Oskar Lafontaine, damaliger Bürgermeister von Saarbrücken
Vernissage in der Galerie Francis mit einem von Pasinatos Stühlen


Text: Kai Hunsicker / Photos: Daniel Silva